Sinan Reis der Jude – Der Schrecken von Santanyí

Über die Abstammung des Sinan Reis des Juden ist nur wenig bekannt.

Die vergangenen Quellen der Araber schweigen über seine Herkunft.

Der Historiker Francisco López de Gómara (*1511 bis 1559/66) behauptete in der Crónica de los corsarios Barbarroja (Chronik der Korsaren Barbarossas), die ab 1851 im Memorial histórico español (Spanisches historisches Denkmal) erneut verlegt wurde, dass er seinen Beinamen nicht seiner Abstammung, sondern einer gelungenen Flucht vor einer christlichen Flotte zu verdanken habe. Der Herausgeber des Memorial histórico español wiederum spekulierte, dass er seinen Namensanhang wegen seines Interesses für die Astrologie erhalten habe. Der Historiker Edward Kritzler (bis 2010) sah Sinan als Mitglied einer sephardisch-jüdischen Familie auf der Iberischen Halbinsel. Auf die Reconquista (722 bis 1492), die die Befreiung der Iberischen Halbinsel von der arabischen Besetzung bewirkt hatte, sei er mit seiner Familie nach Smyrna, dem heutigen Izmir, umgesiedelt.

Sinan Reis der Jude – 1590er
Urheber: Jean Théodore de Bry (1561 bis 1623)
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Er schloss sich dem Schiffsverband des Großadmirals Ḫair ad-Dīn gen. Barbarossa (*um 1478 bis 1546) an, der unter der Flagge des Osmanischen Reichs eine große Anzahl von Karper-, Plünder- und Kriegsfahrten insbesondere im westlichen Mittelmeer unternahm. Er stieg in der Flotte nicht nur zum Admiral auf, vielmehr erwarb er sich bei den Gegnern des Osmanischen Reichs auch einen gefürchteten Ruf.

Der Beiname „großer Jude“ findet sich in einem Schriftstück, das 1528 von Lopo Vaz de Sampaio, dem Gouverneur von Portugiesisch Indien (1526 bis 1529), verfasst wurde. Irrig hatte Vaz angenommen, dass Sinan von dem osmanischen Sultan Süleymān I dem Prächtigen (1520 bis 1566) entsandt worden sei, um den Zamorin von Calicut, dem heutigen Kozhikode, im Kampf gegen das Königreich Portugal zu unterstützen.

Am 3. Oktober 1531 wandte er sich mit etwa 200 Barbaresken gegen Santanyí, das dem Angriff schutzlos ausgeliefert war. Auf die Plünderung der Stadt verschleppten die Barbaresken noch 52 santanyiners und santanyineres, sodass Antoni Desí vor den Corts (Höfen) de Montsó unter namentlicher Benennung des Barbareskenführers für die Errichtung einer Stadtmauer warb.

Nachdem sich Ḫair ad-Dīn im April 1532 gegen das (Erste) Ungarische Königreich gewandt hatte, stellte Großadmiral Andrea Doria (*1466 bis 1560) im Auftrag des römisch-deutschen Kaisers Karl V (1519 bis 1556) einen Schiffsverband auf, mit der er Ḫair ad-Dīn ab Sommer 1532 entgegentrat. Um eine Verstärkung der Flotte Dorias zu verhindern, griff auch Sinan in die Auseinandersetzung ein, indem er sich gegen die Schiffe wandte, die auf dem Weg zu Dorias Schiffsverband waren.

Ein 1533 in Englisch erstelltes Staatspapier des (Ersten) Königreichs England enthält den Hinweis:

„As to Coron, it was reported at Rome a few days ago that Andrea Doria was informed that the famous jewish pirate had prepared a strong fleet to meet the Spanish galleys which are to join Doria’s nineteen.“

„Wie nach Coruña, so wurde vor einigen Tagen in Rom berichtet, dass Andrea Doria benachrichtigt worden sei, dass der berühmte jüdische Pirat eine starke Flotte vorbereitet habe, um den spanischen Galeeren entgegenzutreten, die sich Dorias neunzehn anschließen sollen.“

Während der Seeschlacht von Preveza, die am 28. September 1538 vor dem Ambrakischen Golf zwischen den Schiffsverbänden des Osmanischen Reichs und der Heiligen Liga, bestehend aus dem Status Pontificius, dem Supremus Militaris Ordo Hospitalarius Sancti Ioannis Hierosolymitani, Rhodiensis Et Melitensis (Obersten militärischen Orden vom Hospital des Heiligen Johannes zu Jerusalem, Rhodos und Malta), dem (Ersten) Königreich Spanien, der Republik Genua sowie der Republik Venedig, geführt wurde, ließ Ḫair ad-Dīn auf Sinans Veranlassung einige Truppen in Actium, dem Gebiet des heutigen Flughafens Aktio, an Land gehen, die die Schiffe der Heiligen Liga vom Land bedrohten und damit ihre Bewegungsmöglichkeiten vor der Küste einschränkten. Der ihm erteilten Empfehlung kam Ḫair ad-Dīn zwar nur widerstrebend nach, doch stellte sich gerade diese Maßnahme später als eine wesentliche Entscheidung für seinen Sieg über den Schiffsverband der Heiligen Liga dar, der von der osmanischen Flotte nahezu vollständig aufgerieben wurde.

Nachdem Sinans Sohn um 1540 in die Hände der römisch-deutschen Truppen gefallen war, wurde er in die Obhut der Herrschaft Elba gegeben, in der er christlich getauft und aufzogen wurde. Mehrfach versuchte Ḫair ad-Dīn mit diplomatischen Mitteln, den Jungen aus seiner Gefangenschaft zu befreien, doch wurde ihm seine Übergabe über Jahre verweigert. Mit einer starken Flotte erschien Ḫair ad-Dīn zwar 1544 erneut vor Elba, doch erklärte ihm der Herr von Elba, dass „seine religiösen Skrupel es ihm verbieten, einen getauften Christen einem Ungläubigen zurückzugeben“. Erst nachdem Ḫair ad-Dīn sich gegen Piombino gewandt hatte, dessen Festung er zerstörte und dessen Stadt er plünderte, wurde Sinans Sohn freigelassen.

Sinan starb 1546.