Eine zeitgenössische Darstellung der mittelalterlichen Gesellschaft: Llibre d’Evast e d’Aloma e de Blaquerna son fill

Das Llibre d’Evast e d’Aloma e de Blaquerna son fill (Buch von Evast und von Aloma und von Blaquerna seinem Sohn) ist ein Roman, der nicht nur die katalanische Literatur begründete, sondern auch zu den ersten Romanen in Europa gerechnet wird. Die Erzählung stammt von dem Philosophen und Theologen Ramon Llull (*um 1232 bis 1316), der sie 1283 während seines von 1283 bis 1285 währenden Aufenthalts am Hof des mallorquinischen Königs Jaume II des Umsichtigen (1276 bis 1311) in Montpellier schrieb.

Llull benannte seinen Helden nach der Kirche Sankt Maria zu Blachernai in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, die in Katalanisch als església (Kirche) de Santa Maria de Blaquernes bezeichnet wird. Während die ältesten Duplikate des Romans die Benennung „Blaquerna“ verwenden, nutzen die Handschriften ab dem 14. Jahrhundert immer häufiger den Namen „Blanquerna“, der sich über Jahrhunderte zur verkürzten Bezeichnung des Werks entwickelte. Erst nachdem die Literaturwissenschaft in den letzten Jahrzehnten den Ursprung der Namenswahl herausgearbeitet hatte, setzte sich zumindest in der wissenschaftlichen Literatur die Benennung „Blaquerna“ durch.

Die vielfachen Abschriften haben die Erzählung sowohl örtlich als auch zeitlich so bekannt gemacht, dass sie bis heute in Erinnerung geblieben ist. So sind die carrer (Straße) de Blanquerna in Palma und die den Katalanismus fördernde Grup Blanquerna auf Mallorca nach dem Werk benannt.

Der Roman begleitet Blaquerna, der nach wahrhaftiger Erfüllung sucht, durch sein Leben.

Er gibt nicht nur einen Einblick in die gesellschaftlichen Stände des Mittelalters, insbesondere des Klerus. Er entwickelt vielmehr auch ein Modell für das christliche Leben, insbesondere der Familie.

Das erste Buch beschreibt die Ehe von Evast und Aloma, die in wirtschaftlichem Wohlstand und ehelicher Harmonie leben. Vor der Hochzeit hat Evast zwar die Glückseligkeiten einer Ehe kennenlernen, zugleich aber auch die Erfüllung eines religiösen Lebens erfahren wollen. Nachdem Blaquerna seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert hat, entsagen Evast und Aloma nicht nur ihrem Vermögen, sondern gründen auch ein Armenhaus. Sie bemühen sich fortan um ein vorbildhaftes Leben, das auch von ehelicher Enthaltsamkeit geprägt ist.

Das zweite Buch stellt die Beziehung zwischen Blaquerna und Natana dar, die nach dem Willen ihrer Eltern heiraten sollen. Zwar unterliegt Blaquerna nunmehr demselben Konflikt, in dem sich auch Evast vor seiner Hochzeit befunden hat, doch entscheidet sich Natana auf seine Ermutigung zu einem Leben als Nonne; sie wird später zur Äbtissin aufsteigen. Um seine Erfüllung zu finden, macht sich Blaquerna auf eine Wanderung, an deren Ende er zu der Erkenntnis gelangt, dass er sich einer gottgefälligen Lebensregel unterwerfen muss.

Das dritte und vierte Buch beleuchten die Strukturen der klerikalen Organisation, in der sich Blaquerna bewegt. Als Mönch widmet sich Blaquerna zunächst dem religiösen Studium, in dem er sich insbesondere der Heiligen Muttergottes Maria hingibt; er wird später zum Abt berufen. Sodann setzt sich Blaquerna als Bischof für umfassende Reformen ein, die das spirituelle Leben fördern und den christlichen Glauben stärken sollen. Als Papst schafft Blaquerna schließlich eine dem göttlichen Gefallen entsprechende Religionsgemeinschaft, deren Vollkommenheit ihm fortan ein Leben als Einsiedler gestattet.

Das fünfte Buch gibt die Ergebnisse der moralischen und philosophischen Überlegungen wieder, die Blaquerna auf seinem Weg zu Gott erarbeitet hat. Der als Llibre d’Amic e Amat (Buch vom Freund und Geliebtem) bekannte erste Teil beinhaltet dreihundertsechsundsechzig Verse, die durch die Metapher des Menschen als Freund und Gottes als Geliebtem miteinander verbunden sind. Sie sind so gestaltet, dass ein Einsiedler einen jeden Vers an einem Tag des Jahres, einschließlich der Schaltjahre, nachsinnen kann. In dem als Art de Contemplació (Kunst der Kontemplation) bezeichneten zweiten Teil werden Techniken zur Erhebung der Seele vorgestellt.

Auszug aus dem Llibre d’Amic e Amat in Altkatalanisch:

„Versicle 26. Cantaven los aucells l’alba, e despertà’s l’amich, qui és l’alba; e los aucells feniren lur cant, e l’amich muri per l’amat en l’alba.“

„Vers 26. Die Vögel sangen im Morgengrauen, und der Freund, der die Morgendämmerung ist, wachte auf, und die Vögel hörten auf zu singen, und der Freund starb für den Geliebten in der Morgendämmerung.“

„Versicle 27. Cantava l’aucell en lo verger de l’Amat. Venc l’amic, qui dix a l’aucell: Si no ens entenem per llenguatge, entenam-nos per amor, cor en lo teu cant se representa a mos ulls mon Amat.“

„Vers 27. Der Vogel sang im Obstgarten des Geliebten. Ich kam zu dem Freund, der zum Vogel sagte: „Wenn wir uns nicht durch die Sprache verstehen, dann lass uns durch Liebe verstehen, das Herz in deinem Gesang spiegelt sich in meinen Augen mein Geliebter.“

„Versicle 100. Lo lum de la cambra de l’amat vench inluminar la cambra de l’amic, per ço que·n gitàs tenebres e que la umplis de plaers, e de langors e de pensaments. E l’amich gità de sa cambra totes coses, per ço que hi cabés amat.“

„Vers 100. Das Licht der Kammer des Geliebten kommt die Kammer des Freundes zu erhellen, um die Finsternis herauszuwerfen und sie aufzufüllen mit Freuden, Entspannungen und Gedanken. Und der Freund warf alles aus dem Zimmer, damit er geliebt werden konnte.“

„Versicle 233. Los senyals de les amors que·l‘amich fa son amat són: en lo començament plors, e en lo mig tribucions, e en la fi mort. E per aquells senyals l’amic preyca los amadors de son amat.“

„Vers 233. Die Zeichen der Liebe die der Freund zu seinem Geliebten empfindet sind: Am Anfang weint er, und in der Mitte prüft er, und am Ende stirbt er. Und durch diese Zeichen der Freund betet zu den Liebenden seines Geliebten.“

„Versicle 235. Amor és mar tribulada de ondes e de vents, qui no ha port ni ribatge. Pereix l’amich en la mar, e en son perill pereixen sos turments e neixen sos compliments.“

„Vers 235. Liebe ist ein geplagtes Meer von Wellen und von Winden, das weder Hafen noch Ufer hat. Stirbt ein Freund im Meer, und in seiner Gefahr sterben seine Qualen und gebähren seine Vorzüge.“

„Versicle 295. Perillava l’amic en lo gran pèlag d’amor; e confiava’s en son Amat, qui li acorria ab tribulacions, pensaments, llàgremes e plors, sospirs e llanguiments, per ço cor lo pèlag era d’amors e d’honrar ses honors.“

„Vers 295. In Gefahr war der Freund auf der großen Reise der Liebe; und er vertraute auf seinen Geliebten, der zu ihm kam mit Prüfungen, Gedanken, Tränen und Weinen, Seufzern und Trägheit, durch die war die Reise eine der Liebe und der Bewahrung seiner Ehren.“