Es Drac de na Coca – Mythos und Logos

Nachdem die Legende „Es Drac de na Coca (Der Drache von na Coca)“ im 18. Jahrhundert aufgekommen und insbesondere in Palma über die Generationen weitergegeben worden war, fand sie im 19. Jahrhundert auch Eingang in die mallorquinische Literatur. Während der Schriftsteller Pere d’Alcántara Penya i Nicolau (*1823 bis 1906) den Drachen in seinem 1863 in der Zeitschrift Almanaque de las Islas Balears erschienenen Gedicht „La Colcada (Die Kavalkade)“ erwähnte, erzählte der Schriftsteller Bartomeu Ferrà i Perelló (*1843 bis 1924) in seinem 1870 verfassten Gedicht „Es Drac de na Còca“ die vollständige Geschichte des Drachen.

Im 17. Jahrhundert lebte in Palma ein Ungeheuer, das Angst und Schrecken unter den palmesans und palmesanes verbreitete. Ihre Tage verbrachte die Kreatur versteckt in den weitläufigen Gärten des palau (Palastes) des Bisbe, die ihr Schatten und Schutz gaben. Ihre Nächte aber nutzte das Geschöpf zur Jagd in den Gassen und Straßen der Stadt, in denen es überraschend aus den Kloaken auftauchte. Die dunklen Hornplatten und Schuppen des Ungeheuers schimmerten grünlich im Mondlicht, sodass sich unter den palmesans und palmesanes schnell die Kunde eines Drachens verbreitete. Auf vier stämmigen Beinen bewegte sich das Wesen kriechend durch die Nacht, wobei es seinen schlangenartigen Schwanz über den Boden schleifen ließ. Die palmesans und palmesanes vernahmen nicht nur furchteinflößenden Geräusche und Laute, sie sahen vielmehr auch unheimliche Schatten, die einen übermenschlich großen Körper abbildeten. Immer wieder verschwanden Hunde, Katzen, Hühner und selbst Kinder, ohne dass auch nur der geringste Hinweis auf ihr Schicksal gefunden werden konnte.

Erste Version

Eines nachts flanierte der aus Alcúdia stammende Adelige Bartomeu Coc mit seiner in Palma lebenden Verlobten Catalina Costa über die heutige carrer (Straße) de la Portella. Plötzlich hörte das Liebespaar nicht nur ein seltsames Geräusch, vielmehr sah es in der Dunkelheit auch die schattenhaften Umrisse des Drachen. Um seine Verlobte zu verteidigen, zog Coc sofort sein Schwert, mit dem er sich auf den Drachen stürzte. Nachdem er den Drachen unter Todesgefahr getötet hatte, stellten Coc und Costa fest, dass es sich bei dem Drachen in Wahrheit lediglich um ein Krokodil handelt, das wahrscheinlich mit einem Handelsschiff nach Palma gekommen war. Als Zeichen seiner todesverachtenden Liebe übergab Coc den Kadaver des Krokodils an seine Verlobte, die ihn als Tiermodell präparieren ließ. Nachdem Coc und Costa geheiratet hatten, wurde das Krokodil, das über lange Zeit im Familienbesitz verblieb, unter dem verweiblichten Namen des Drac de na Coca bekannt. Obwohl von dem ausgestopften Tierkörper keine Gefahr mehr ausgegangen sein sollte, forderte der Drache im Haushalt seiner Besitzer doch noch ein letztes Todesopfer. Ein Dienstmädchen öffnete neugierig eine alte Truhe, die seit Jahrzehnten nicht mehr geöffnet worden war. Als sie darin den vergessenen Kadaver des Krokodils vorfand, erschrak sie über den Anblick so sehr, dass sie auf der Stelle verstarb.

Zweite Version

Während eines Spaziergangs in den Gärten des palau des Bisbe sah ein junger Kaplan den Drachen in der Ferne, den er aber nur schemenhaft wahrnehmen konnte. Um den Drachen aufzuspüren, den er mit dem Ungeheuer in Verbindung brachte, das nachts auch durch die Wohnviertel der Stadt zog, durchstreifte der Kaplan in einer Winternacht die Gärten des palau des Bisbe. Nachdem er im Schein seiner Laterne auf eine merkwürdige Spur gestoßen war, folgte der Kaplan der Fährte, die vor einer mit Efeu bewachsenen Mauernische endet. Mit einem bis zum Hals schlagenden Herzen spähte der Kaplan in den Hohlraum, in dem er direkt in kohlenartig glühenden Augen des Drachen schaute, der seine mit scharfen Krallen bewehrten Vorderbeine in die Höhe reckte. Der Kaplan, der sich fast zu Tode erschrak, ließ nicht nur seine Laterne fallen, sondern stieß auch einen markerschütternden Schrei aus. Genau in diesem Moment schlug der Drache mit seinem Schwanz nach dem Kaplan, der dem Angriff nur knapp ausweichen und flüchten konnte. Nach einer Zeit des Bangens und Hoffen, in der die palmesans und palmesanes immer unruhiger wurden, beschloss die Stadtführung, den Drachen zu fangen oder zu töten, um die von ihm ausgehende Gefahr zu beseitigen. Eine Gruppe von mutigen Edelleuten und Landsknechten, zu denen sich auch ein Pastor gesellt hatte, stattete sich mit Speeren und Schwertern aus und durchsuchte insbesondere die Dickichte der Gärten des palau des Bisbe. Nachdem sie den Drachen, der sich heftig zur Wehr setzte, aufgespürt hatten, bedurfte es aller Edelleute und Landsknechte ihn mit ihren Waffen in Schach zu halten. Allein dem Pastor verblieb die Bewegungsfreiheit, dem Drachen in einem günstigen Augenblick sein Schwert geradewegs ins Herz zu stoßen. Zwar mit einem furchteinflößenden Brüllen, aber ohne ein nochmaliges Aufbäumen sackte der Drache tot in sich zusammen. Den Kadaver ließ die Stadtführung ausstopfen und ausstellen, um ihn den der Bevölkerung als Beweis für die Beendigung des Schreckens zu präsentieren. Obwohl sich die palmesans und palmesanes nunmehr selbst vom Tod des Drachen vergewissern konnten, blieben sie überzeugt, dass der Geist des Drac de na Coca weiterhin durch die Stadt ziehe. In stürmischen Winternächten soll der Geist ein unheimliches Fauchen in den Straßen und Gassen entfachen, während er in den wolkigen Vollmondnächten als Licht über dem palau des Bisbe erscheinen soll.

Der Mythos des Drac de na Coca lässt sich zwar auf tatsächliche Geschehnisse zurückführen, die mit den Familien Coch und Rosselló im Zusammenhang stehen. Die Legende des Drac de na Coca umfasst aber auch erdachte Ereignisse, deren Sinn unterschiedlich erklärt wird.

Das 1850 erschienene Buch „Nobiliario Mallorquin (Mallorquinischer Adel)“ des Schriftstellers Joaquín María Bover i Rosselló (*1810 bis 1865) enthält auch eine Eintragung (Seite 111) zu dem Infanteriekapitän Bartolomé Coch: Nachdem Coch dem (Ersten) Spanischen Königreich von 1645 bis 1664 gedient hatte, wurde er 1664 vom spanischen König Felipe IV (1621 bis 1665) zum Gouverneur von Alcúdia ernannt. Die Ehe von Coch und Catalina Costa, die in Palma lebte, brachte keine Kinder hervor, sodass das 1672 bei dem Notar Bartolomé Fullana errichtete Testament eine Erbeinsetzung zugunsten der Ehefrau vorsah. Nachdem Coch am 19. Mai 1677 verstorben war, fiel sein gesamter Nachlass an Costa. Den Bestand und den Verbleib der Erbschaft stellte Bover zwar nicht dar, doch machte er eine Anmerkung (Seite 111) zu dem Krokodil, das er mit dem Drac de na Coca in Verbindung brachte: „… y esta señora contrajo segundo matrimonio con D. Francisco Rosselló , cuyos descendientes conservan el jaiman ó dragon , que ella tenia en su casa, Ilamado el drach de na Coca, del cual se han contado mil fábulas (… und diese Dame verband sich in zweiter Ehe mit Don Francisco Rosselló, deren Nachkommen bewahrten auf den Kaiman oder Drachen, den sie hatte in ihrem Haus, genannt der Drac de na Coca, von welchem erzählt wurden eintausend Fabeln).“. Die Familie Rosselló lebte zumindest ab dem 17. Jahrhundert an dem Ort, an dem das heutige Haus „carrer de Santa Eulàlia 1, 07001 Palma“ steht. Nachdem sie die ausgestopfte Panzerechse über lange Zeit am 31. Dezember den staunenden palmesans und palmesanes präsentiert hatte, übergab der Maler Francesc Rosselló i Miralles (*1863 bis 1933) das Präparat im 20. Jahrhundert an das Museu (Museum) Diocesà de Mallorca, das heutige Museu d’Art Sacre de Mallorca. Die Schaustellung des Drac de na Coca in „cada any, en lo dia de Sant Silvestre y Santa Coloma (jedem Jahr, an dem Tag des Heiligen Silvestrus und der Heiligen Colomba de Sens)“ bestätigte der Schriftsteller Diego Zaforteza Musoles in seiner Polygrafie „La Ciudad de Mallorca (Die Stadt von Mallorca)“ unter Hinweis auf einen 1718 niedergeschriebenen Text.

Drac de na Coca – Palma – Museu d’Art Sacre de Mallorca
Urheber: Joan Gené
Lizenz: CC-BY-SA-4.0-International

Die Entstehung des Mythos des Drac de na Coca fällt in die Ära, in der die europäischen Staaten ihre Einflussbereiche nach Amerika, Afrika und Asien ausweiteten. Der Seefahrer Cristoforo Colombo (*1451 bis 1506) gelangte 1492 auf die heutigen Westindischen Inseln. Der Seefahrer Vasco da Gama (*um 1469 bis 1524) erschloss 1497/98 den um Afrika führenden Seeweg nach Asien. Der Seefahrer Fernão de Magalhães (*1480 bis 1521) umsegelte von 1519 bis 1522 die Welt, wobei er den südlichen Seeweg vom Atlantik in den Pazifik fand. Mit der europäischen Expansion wurden auch immer mehr exotische Tiere aus den neuen Welten in Europa bekannt, die in Sammlungen ausgestellt wurden und deren Aussehen für die Menschen sonderbar war; das casa (Haus) de Can Formiguera in Palma präsentierte noch im 20. Jahrhundert ein Kuriositätenkabinett. Vor diesem Hintergrund deutete der Historiker Gabriel Llompart i Moragues (*1927 bis 2017) die Legende in seinem Aufsatz „La leyenda palmesana de „Es drac de na Coca“ (Die palmesanische Legende von „Der Drache von na Coca)“, den er 1981 im Bolletí de la Societat Arqueològica Liul·liana veröffentlichte, als eine ätiologische Erzählung, mit der sich die palmesans und palmesanes das mystische Aussehen und die mysteriöse Herkunft zu erklären versuchten. Auch der Schriftsteller Antoni Quintana i Torres wertete den Mythos in seinem 1992 erschienenen Buch „La memòria que es perd: El Drac de na Coca (Die Erinnerung, die verloren ist: Der Drache von na Coca)“ als eine ätiologische Geschichte.

Das Aufkommen der Legende des Drac de na Coca ging zudem mit mannigfaltigen Verhältnissen und Geschehnissen einher, die die Menschen nicht nur schwer belasteten, sondern auch in ihrer Existenz bedrohten. Die Kleine Eiszeit (16./17. Jahrhundert) hatte auch auf Mallorca zu schlechten Ernten geführt, auf die sich die Bevölkerung nur noch unzureichend versorgen konnte. Die Pestepidemien, die 1522 von Palma und 1652 von Port de Sóller ausgegangen waren, hatten auf der Insel zu unzähligen Toten geführt. Die Konzentration der Landwirtschaft auf die als senyors (Herren) bezeichneten Großgrundbesitzer und des Handwerks auf die als Berufsverbände auftretenden germanies (Bruderschaften) löste soziale Spannungen aus, die sich auf Mallorca insbesondere in der revolta de les Germanies (Revolte der Bruderschaften) (1521 bis 1523) entluden. Diese Gegebenheiten nähren die Meinung, dass der Mythos (auch) als eine mutmachende Geschichte zu verstehen ist, mit der die palmesans und palmesanes aufgefordert wurden, sich auch unerklärlichen Gefahren zu stellen, deren Ursache sich erst auf den zweiten Blick als natürlich herausstellt.

In Palma ist der Drac de na Coca bis heute gegenwärtig.

Nahezu verborgen scheint der Drac de na Coca auf dem östlichen Eckpilaster der Frontfassade des Hauses „carrer del Palau 3, 07001 Palma“, nämlich in Höhe des zweiten Obergeschosses, weiterhin das Geschehen in seinem Jagdrevier um die Gärten des palau des Bisbe zu beobachten. Die etwa 50 Zentimeter lange Skulptur des Krokodils, die aus hellbraunem Sandstein gefertigt ist, liegt auf einer zur Straße geneigten Fläche, die ihm eine gute Sicht ermöglicht. Während die Panzerechse ihre Schnauze geöffnet hat, hat sie ihren Schwanz entlang der Hauswand in die Höhe gereckt. Beinahe unsichtbar erhebt sich der Drac de na Coca auch an der Frontfassade des ajuntament (Rathauses) de Palma, nämlich oberhalb des Reliefs des Stadtwappens, das im Erdgeschoss über der zentralen Fensterfront modelliert ist. Das Standbild des Drachen, das aus braunem Sandstein erstellt ist, erreicht eine Breite von etwa 30 Zentimeter und eine Höhe von etwa 20 Zentimeter. Während der aufrechtstehende Drache seine Flügel weit aufgespannt hat, hat er seinen Kopf nach rechts gedreht und seine Schnauze dabei fauchend oder schreiend geöffnet. Deutlich sichtbar tritt der Drac de na Coca während des Festa (Festes) de Sant Sebastià Màrtir auf, das in Palma um den 20. Januar, den Dia (Tag) de Sant Sebastià Màrtir, über etwa zwei Wochen mit vielfältigen Veranstaltungen begangen wird. Mit dem Dia de Sant Sebastià Màrtir gedenkt die Stadt ihrem Schutzpatron, zu dessen Ehren bereits in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar mit dem revetlla (Vorabend) ausgelassen musiziert, getanzt und gefeiert wird. Während des revetlla finden auch correfocs (Feuerläufe) statt, bei denen Dämonen und Bestien, die von Funkenregen, Feuerwerk und Trommeln begleitet werden, durch die Gassen und Straßen ziehen. Seit 2014 nimmt auch die etwa 5 Meter lange und 5 Meter hohe Figur des Krokodils, die durch ihre grüne Farbe äußerst auffällig gestaltet ist, an den correfocs teil. Nicht nur mit der geöffneten Schnauze, deren Zähne wie Dolche wirken, wird die Gefährlichkeit der Panzerechse dargestellt. Vielmehr wird auch durch die Körperhaltung, nämlich die nach vorne springenden Hinterbeine und den kreisförmig nach vorne gebogenen Schwanz, die Bedrohung durch das Krokodil unterstrichen. Zwischen ihren festlichen Einsätzen ist das Modell der Panzerechse im Eingangsbereich des ajuntament de Palma ausgestellt.