Santuari de nostra Senyora de Gràcia – Das Felsennest des puig de Randa

An der MA-5018, die auf den puig (Gipfel) de Randa führt, liegt das santuari de nostra Senyora de Gràcia (Heiligtum unserer Frau der Gnade) (39.519220, 2.927965) auf dem Südhang des Berges. Seine Zufahrt, die von zwei steinernen Mauerpfeilern gesäumt wird und nach etwa 350 Meter auf einem Parkplatz endet, liegt bei etwa Kilometer 1,4. Mit seiner Höhenlage von etwa 390 Meter bietet das Heiligtum, das im Gebiet der municipi (Gemeinde) Llucmajor liegt, einen berauschenden Panoramablick über die mallorquinische Südküste.

Das creu (Kreuz) des Santuari de Gràcia erhebt sich am östlichen Ende des Parkplatzes.

Die Gebäude des Heiligtums sind vor der Klippe des penya (Felses) Falconera errichtet, die sich wie ein Dach über die Bauwerke neigt. Während das Gelände bereits 2005 nach einem Felssturz nicht zugänglich war, war es von 2017 bis 2023 nach einer Sturzflut ebenfalls gesperrt. Um den Gefahren von Felsstürzen vorzubeugen, ist die Felswand oberhalb der Gebäude großflächig mit Stahlnetzen gesichert.

Santuari de nostra Senyora de Gràcia – Südwestliche Ansicht – 2025

Die Gebäude des Heiligtums folgen dem Verlauf der Klippe, vor der nördlich der Straße durch parets seques (Trockenmauern) einige Wirtschafts- und Bauterrassen errichtet worden sind. Zwischen dem Lagergebäude, das im Westen nahezu fensterlos aus Bruchsteinen erbaut wurde, und dem Gasthaus, das im Osten an das Oratorium grenzt, liegen einige Gartenflächen, die mit dem südlich der Straße vorhandenen Brunnen versorgt werden konnten.

Santuari de nostra Senyora de Gràcia – Brunnen – Nordwestliche Ansicht – 2025

Das heutige Gasthaus wurde im 18. Jahrhundert als Wohngebäude für die Eremiten gebaut.

Das Erdgeschoss verfügt über eine innerhalb des Gebäudes gelegene Terrasse, die von drei Bögen und einem Kreuzgewölbe gebildet wird. Durch den mittleren Bogen wird der Zugang über ein vorgelagertes Treppenpodest ermöglicht, das mit fünf Stufen auf der linken Seite und sieben Stufen auf der rechten Seite versehen ist. Das Obergeschoss hat drei Bogenfenster, deren Ausrichtung und Größe den Bögen des Erdgeschosses entsprechen. Die glatt verputzte Fassade, von der sich die Marèssteine der Bögen abheben, ist an der linken Seite des Obergeschosses mit einer kreisförmigen Sonnenuhr geschmückt, die die nachstehende Inschrift wiedergibt:

„ADEAMUS CUM FIDUCIA AD THRONUM GRATIÆ“

„Lass uns gehen mit Vertrauen zum Gnadenthron“

Santuari de nostra Senyora de Gràcia – Gasthaus – Südwestliche Ansicht – 2025
Santuari de nostra Senyora de Gràcia – Gasthaus – Südöstliche Ansicht – 2025

An dem Ort, an dem sich heute das Heiligtum befindet, lag die cova (Höhle) de s’Aresta. Sie wurde ab 1440 unter der Leitung des aus Llucmajor stammenden Franziskaners Antoni Caldés bewohnt und zur Einsiedelei ausgebaut.

Als Llucmajor am Ende des 15. Jahrhunderts von der Pest heimgesucht wurde, wandten sich die Einwohner hilfesuchend an die Heilige Muttergottes Maria der Gnade. Zu ihrer Ehre errichteten die llucmajorers und llucmajoreres ab 1497 in und vor der cova de s’Aresta im Baustil der Gotik (1350 bis 1525) eine Kapelle. Von dem Bethaus ist heute nur noch die Apsis vorhanden, die die erste Kapelle auf der linken Seite des heutigen Oratoriums bildet. Die Bauarbeiten standen unter der Aufsicht des aus Llucmajor stammenden Franziskaners Antoni Tomàs, der 1501 auch die von dem Bildhauer Gabriel Mòger (1379/84 bis 1438/39) geschaffene Statue der Mare de Déu de Gràcia (Muttergottes der Gnade) de Llucmajor in die Kapelle verbrachte.

Schon bald entwickelte sich das Heiligtum zu einem Wallfahrtsort, der nicht nur Gläubige aus Llucmajor, sondern aus der gesamten Region anzog. Entlang des im 16. Jahrhunderts entstandenen Pilgerweges wurden steinerne Skulpturen aufgestellt, die die sieben Freuden und die sieben Schmerzen der Heiligen Muttergottes Maria darstellten.

Im 17. Jahrhundert, vielleicht von 1622 bis 1691, oder im 18. Jahrhundert, spätestens bis 1819, wurde die Kapelle durch das heutige oratori de nostra Senyora de Gràcia (Oratorium unserer Frau der Gnade) ersetzt, das über Merkmale des Baustils des Neuklassizismus (1900 bis 1930) verfügt. Sie wurde nicht nur mit am puig de Randa vorhandenen Steinen, sondern auch mit Marèssteinen erbaut, die auf dem nördlich von Llucmajor gelegenen possessió (Besitztum) de Galdent gewonnen wurden.

Das Heiligtum wurde zumindest fünfzig Jahre von dem Priester Joan Thomas Coll geleitet.

Santuari de nostra Senyora de Gràcia – Gedenktafel – 2025

Die Juntament (Vereinigung) de Llucmajor dankte ihm 1969 mit einer Gedenktafel.

Das Oratorium hat einen rechteckigen Grundriss.

Das Schiff verfügt über fünf Kapellen auf der linken und vier Kapellen auf der rechten Seite. Es wird von einem Tonnengewölbe überspannt, das mit Gurtbögen verstärkt ist. Die Apsis beinhaltet eine Apsidiole, deren Zugang über den linksseitig vom Altarraum abgehenden Gang erfolgt; die rechtsseitig im Altarraum gelegene Tür führt in die Sakristei.

Oratori de nostra Senyora de Gràcia
Urheber: Frank Vincentz
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-Unported

Die capella de Santa Anna (Kapelle der Heiligen Anna) ist die erste Kapelle auf der linken Seite.

Sie ist der Heiligen Anna geweiht, die nach der Legende die Mutter der Heiligen Muttergottes Maria gewesen sein soll. Um sie bei der Suche nach einem guten Verehrer zu unterstützen, wurde Anna gerade von den jungen llucmajoreres verehrt und beschenkt.

Oratori de nostra Senyora de Gràcia – Capella de Santa Anna – 2025

Die Kapelle beherbergt eine Statue der Anna, die in einer kleinen Nische auf einem Holzpodest aufgestellt ist; der Sockel trägt die Aufschrift „St ANNA“. Nicht nur die roten und goldenen Gewänder, die einen kostbaren Eindruck erwecken, sondern auch der den Kopf umgebende Nimbus würdigt die Bedeutung der Heiligen. Der Oberkörper und der Kopf sind von sechs Engelsköpfen umgeben, die als Relief in der Nische gestaltet sind. Die Kapelle ist vollständig mit einem Mosaik aus bunt bemalten und glasierten rajoles (Keramikfliesen) aus Valencia geschmückt, auf dem verschiedene Szenen aus der Bibel dargestellt sind.

Die zweite Kapelle auf der linken Seite ist die capella de Santa Càndida Maria de Jesús (Kapelle der Heiligen Càndida Maria de Jesús).

Die Heilige Càndida Maria de Jesús wurde als Juana Josefa Cipitria y Barriola (*1845 bis 1912) geboren. Sie gründete am 08. Dezember 1871 in Salamanca die Congregación de las Hijas de Jesús (Kongregation der Töchter Jesu).

Die capella de Santa Caterina Tomàs (Kapelle der Heiligen Caterina Tomàs) ist die dritte Kapelle auf der linken Seite.

Die Heilige Caterina Tomàs wurde als Caterina Tomàs i Gallard (*1531 bis 1574) in Valldemossa geboren. Sie trat am 13. November 1552 in Palma in den convent (Konvent) de Santa Magdalena des Ordo Canonici Regulares Sancti Augustini (Ordens der Regulären Kanoniker des Heiligen Augustinus) ein; nach der Legende sprachen sowohl Gott als auch der Teufel mit ihr!

Die vierte Kapelle auf der linken Seite ist die capella de Sant Josep (Kapelle des Heiligen Josef).

Die capella des Santcrist de Jesús (Kapelle des Kreuzes des Jesus Christus) ist die fünfte Kapelle auf der linken Seite.

Oratori de nostra Senyora de Gràcia – Capella des Santcrist de Jesús – 2025

Die erste Kapelle auf der rechten Seite ist die capella de Sant Antoni Abat (Kapelle des Heiligen Antonius des Einsiedlers).

Sie ist die einzige Kapelle des Oratoriums, die noch mit einem Altar ausgestattet ist.

Das Standbild des Heiligen Antonius des Einsiedlers (*um 251 bis 356), der als der Begründer des christlichen Mönchstums gilt, steht in einer von Halbsäulen und Halbarchitrav umfassten Nische auf einem Holzsockel, der die Aufschrift „St ANTONI ABAT“ trägt. Während Antonius in seiner rechten Hand einen Pilgerstab hält, an dessen oberem Ende eine Glocke angebracht ist, hält er in seiner linken Hand eine geöffnete Bibel, aus der er vorzulesen scheint.

Die Kanzel, die an einem Pilaster aufgehangen ist, besteht aus Holz, was typisch für Mallorca ist.

Santuari de nostra Senyora de Gràcia – Kanzel – 2025

Ein dreiflächiger Kanzelfuß trägt einen quadratischen Kanzelkorb, über dem ein sechseckiger Schalldeckel angebracht ist. Eine halbrunde Galerie führt an der dem Altarraum abgewandten Seite zu einem bogenförmigen Mauerdurchbruch.

Die Kanzel, die in braunen und roten Farbtönen erscheint, zeigt nur wenige Schmuckelemente.

Das Innere des Schalldeckels ist in weißer Farbe ausgeführt. Die Figur einer weißen Taube, die von goldenen Strahlen umgeben ist, nimmt als Symbol des Heiligen Geistes nahezu die gesamte Fläche ein. Das Galeriegeländer ist mit einer in schwarzer Farbe aufgemalten Balustrade verziert, die im Baustil des Barock (1575 bis 1770) ausgeführt ist.

Die capella de sa Coronació de Maria (Kapelle der Krönung Marias) ist die zweite Kapelle auf der rechten Seite.

Die dritte Kapelle auf der rechten Seite ist die capella de Sant Miquel (Kapelle des Heiligen Michael).

Sie ist dem Erzengel Michael geweiht, der als Schutzpatron von Llucmajor verehrt wird. Seit 1546 feiern die llucmajorers und llucmajoreres am 29. September das festa (Fest) de Sant Miquel nicht nur mit einem Gottesdienst, sondern auch mit einem Volksfest. Während des Gottesdienstes führen die gegants (Riesen), caparrots (Großköpfe) und cavallets cotoners (Baumwollpferdchen) vor der església parroquial (Pfarrkirche) de Sant Miquel den traditionellen ball de l’Oferta (Tanz des Angebots) auf.

Die vierte Kapelle auf der rechten Seite beherbergt eine Skulptur der sieben Freuden der Heiligen Muttergottes Maria. Sie war eine Figur des seit dem 16. Jahrhundert zum Heiligtum führenden Pilgerweges.

Der Altarraum, der gegenüber dem Schiff um zwei Stufen erhöht ist, ist mit einem einfachen Tischaltar aus Stein ausgestattet. Seine rechteckige Mensa, die nach unten verjüngt ist, ruht auf sechseckigen Stützen, die unmittelbar an ihren Ecken angebracht sind; um den Altar sind drei Wagenstühle platziert. Während links- und rechtsseitig hinter dem Altar jeweils ein Wandgemälde auf die Apsis aufgebracht ist, befindet sich mittig hinter dem Altar eine von bronzefarbenen Pilastern umrahmte Apsidiole. Überspannt wird der Altarraum von einer weißen Halbkuppel, die dem Inneren einer Muschel nachempfunden und mit den bronzenen Strahlen des Heiligen Geistes verziert ist.

Das linke Bildnis, das von dem Maler Guillem Ferrer i Puig (*1759 bis 1833) gemalt wurde, stellt die Heimsuchung der Maria dar. Die mit dem Gottessohn Jesus Christus schwangere Heilige Muttergottes Maria, deren Kopf von einer Gloriole umgeben und deren Bauch wohl gerundet ist, ist zu der Heiligen Elisabet gereist, die nach einer Ankündigung des Erzengels Gabriel mit dem Heiligen Johannes dem Täufer schwanger ist. Sich ehrfürchtig verneigend spricht Elisabeth den Gruß nach Lukas 1, 42 EU 2016 aus: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Der Heilige Josef, der Verlobte der Maria, und der Heilige Zacharias, der unfruchtbare Ehemann der Elisabet, stehen jeweils hinter den Frauen. Während Josef unter seinem rechten Arm noch ein Bündel mit den während der Reise benötigten Dingen trägt, erhebt Zacharias seinen rechten Arm zum Gruß. Die Gewänder der vier Hauptpersonen sind als Zeichen für die Göttlichkeit in blauer Farbe und als Hinweis auf die Liebe in roter Farbe dargestellt; allein das Gewand der hinter Zacharias im Hintergrund stehenden Nebenperson erscheint in weiß-grauer Farbe! Beobachtet wird die Begebenheit von fünf kindlichen Engelsköpfen, die aus den Wolken herausschauen.

Oratori de nostra Senyora de Gràcia – L’Anunciació (Die Verkündigung)
Urheber: Frank Vicentz
Lizenz: CC-BY-SA-3.0-Unported
Änderung: Erstellung eines Ausschnitts

Das rechte Gemälde, das ebenfalls von Ferrer stammt, zeigt die Verkündigung des Herrn. Während die Heilige Muttergottes Maria als Zeichen ihrer Innerlichkeit in einem Zimmer an einem Lesepult sitzt, schwebt der Erzengel Gabriel auf einer Wolke stehend in das Zimmer. Auf dem Lesepult liegt als Symbol für die Ankündigung des Messias durch das Alte Testament ein aufgeschlagenes Buch, in dem Maria gelesen zu haben scheint; ihre linke Hand liegt noch auf der Lektüre. Mit ihrer rechten Hand schlägt sich Maria überrascht und erschrocken gegen die Brust, während sie ihre Augen vertrauensvoll auf Gabriel richtet. Gabriel überreicht Maria mit seiner linken Hand als Sinnbild für ihre Reinheit nicht nur eine langstielige Lilie mit drei weißen Blüten, sondern verkündet ihr nach Lukas 1, 30 EU 2016 auch: „Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.“ Um die Blume ist eine Banderole gewickelt, die die Aufschrift „AVE MARIA (Sei gegrüßt Maria)“ trägt. Über dem Geschehen schweben nicht nur drei kindliche Engelsköpfe, sondern als Symbol für den Heiligen Geist, der über Maria kommen wird, auch eine weiße Taube.

Die Apsidiole beherbergt die Figur der Mare de Déu de Gràcia de Llucmajor.

Die Statue steht auf einem quaderförmigen Sockel, dessen Kanten mit goldener Farbe geschmückt sind. Die Sockelfront wird von einer großen Medaille dominiert, die ein Akronym des Namens der Heiligen Muttergottes Maria wiedergibt. An ihren Seiten wird das Standbild von zwei Figuren begleitet, die kindliche Engel darstellen.

Die Apsidiole wird im hinteren Bereich von einer blauen Halbkuppel überspannt, aus der nicht nur die kindlichen Köpfe von fünf Engeln heraustreten, sondern von der auch die Figur einer weiß-grauen Taube herabhängt, die von den goldenen Strahlen des Heiligen Geistes umgeben ist. Die Apsidiole wird im vorderen Bereich von einer Decke abgeschlossen, die mit einem Gemälde versehen ist. Das Bild zeigt die sich im Himmel befindliche Heilige Muttergottes Maria, der von dem Gottessohn Jesus Christus zu ihrer rechten Seite und Gott zu ihrer linken Seite eine Krone aufgesetzt wird.